Die Geschichte Heldras

Sieger beim hessischen Landesentscheid im Wettbewerb “Unser Dorf” 2003
Gewinner der Silberplakette beim Bundeswettbewerb
“Unser Dorf soll schöner werden, unser Dorf hat Zukunft” 2004

 

Heldra ist über tausend Jahre alt!

 

 

Das frühe Mittelalter

 

Berühmte Söhne Heldras

 

 

Die erstmalige urkundliche Erwähnung

 

Vom Mittelalter zur Neuzeit

 

 

Das hohe Mittelalter

 

Die Nachkriegsjahre

 

 

Die Schule in Heldra

 

Grenzöffnung

 

Von Herbert Trümmner

Das frühe Mittelalter

Wenn wir uns mehr als tausend Jahre in der Geschichte zurückversetzen, dann gelangen wir in das Jahr 874, in die Zeit des frühen Mittelalters, die Zeit der fränkischen Vorherrschaft, die Regierungszeit Ludwigs II, des Deutschen, der als Enkel Karls des Großen nach der Reichsteilung von 843 bis 876 König des ostfränkischen Reiches war. Unsere Heimat sah zu der damaligen Zeit noch völlig anders aus. Weite Teile unseres Landes waren mit dichten, fast undurchdringlichen Wäldern bedeckt, nur unterbrochen von Seen, Flussläufen und wenigen steppen artigen Distrikten.

Die Bäche und Flüsse - so wohl auch die Werra (811 als Wiseraha bezeichnet) - führten noch wesentlich mehr Wasser. In den breiten Flussauen waren sie häufig in mehrere stark mäandrierende Arme aufgespalten, überschwemmten bei Hochwasser weite Teile des Tales und hinterließen große sumpfige Gebiete. Einfache Flussregulierungen wurden erst später durchgeführt. Die Bevölkerungsdichte war noch sehr gering, da wo heute etwa 250 Menschen auf einem Quadratkilometer wohnen, waren es damals gerade 8 bis 10.

Die vereinzelt liegenden, kleinen Siedlungen oder Herrensitze / Gutshöfe waren meist auf den hochwasserfreien Uferterrassen oder an Berghängen und Waldrändern angelegt worden, besonders dort, wo Quellen oder klare Bäche für frisches Trinkwasser sorgten. Die Menschen lebten vorwiegend von der Landwirtschaft.

Seit Ende der Völkerwanderungszeit hatte das Volk der Franken, von Gallien her kommend, weite Teile des heutigen Deutschland erobert, so auch die Siedlungsgebiete der Chatten (Hessen) und Hermanduren (Thüringer) und schließlich auch der Sachsen.

Sie brachten neue Gesetze mit, beschnitten stark die Rechte der bisherigen Stammesherzöge und setzten zur Verwaltung des Landes Grafen ein, die durch Königsboten kontrolliert wurden. Zur Zeit Karls des Großen (758 - 814) wurde in der Landwirtschaft die fortschrittliche Dreifelderwirtschaft eingeführt, bei der sich Wintergetreide, Sommergetreide und Brache im dreijährigen Wechsel ablösten. Besonders durch die Ruhephase im dritten Jahr konnten höhere Erträge als bisher erwirtschaftet werden. Da jedoch das Land nicht Eigentum der Bauern war, sondern von weltlichen oder geistlichen Grundherren geliehen war (Lehnswesen), mussten laut "Zehntgebot” Karls des Großen von 779 an diese Herren Abgaben in Form von Naturalien ("Zehnt") geleistet werden.

Die erstmalige urkundliche Erwähnung

während der fränkischen Zeit, besonders ab dem Jahr 700, kamen iro-schottische und angelsächsische Mönche als Missionare in unser Land, unter ihnen z.B. Bonifatius, Sturmius und Lullus. Sie christianisierten die heidnische Bevölkerung, gründeten Klöster (z.B. Fulda 744 und Hersfeld 769/75) und Bistümer. Als Bonifatius im Jahr 745 Erzbischof von Mainz wurde, kamen viele Ländereien in den Besitz dieses Bistums; aber auch die Klöster Fulda und Hersfeld hatten zahlreiche Besitzungen in Hessen/Thüringen. Da diese Besitzungen nicht zusammenhängend waren, sondern oft weit zerstreut lagen und nicht genau abgegrenzt waren, kam es zwischen den Grundherren oft zu Besitzstreitigkeiten; so auch in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts zwischen dem Bi-schof Luitbert von Mainz und dem Abt Sigishard von Fulda. Dieser Streit nun soll von König Ludwig II, dem Deutschen, dadurch beigelegt worden sein, dass er am 18. Mai 874 (oder 876*) auf dem Reichstag zu Ingelheim in einer Urkunde die Orte Diddorf (Diedorf), Heldron (Heldra), Brusloh (Burschla), Folgereshusen (Völkershausen), Katebure (Katharinenberg), Snelmundeshusen (Schnellmannshausen) und noch über einhundert weitere dem Kloster Fulda zusprach. Heldra ist also seit 1125 Jahren urkundlich bekannt; wie lange es allerdings schon vorher existiert hat (der Name deutet auf vorfränkische Zeit hin) und wie es ausgesehen hat, liegt im Dunkel der Geschichte; vermutlich hat hier ein Herrenhof gestanden, von dem es sich lohnte, einen "Zehnt" zu beanspruchen.
( *): In der Abschrift der Urkunde, die 1160 von dem Fuldaer Mönch Eberhard angefertigt wurde, wird die Jahreszahl 874 angegeben; die neuere Geschichtsforschung jedoch hält das Jahr 876 für wahrscheinlicher.)

Das hohe Mittelalter

Die Mitte des 13. Jahrhunderts, die Zeit des ausgehenden "Hohen Mittelalters", die Zeit der Ritter und der Burgen, ist für Heldra noch einmal von geschichtlicher Bedeutung.

Am 16. Februar 1247 starb auf der Wartburg Heinrich Raspe, Landgraf von Thüringen und Hessen, kinderlos. Mit ihm starb das Geschlecht der Ludowinger in männlicher Linie aus. Mehrere Bewerber erhoben Anspruch auf das Erbe: der Markgraf Heinrich von Meißen, Graf Hermann von Henneberg, die Grafen von Anhalt, Herzog Albrecht von Sachsen-Wittenberg und schließlich Herzog Heinrich II von Lothringen und Brabant (Ehemann von Sophie, der Tochter der heiligen Elisabeth).

So kam es zum thüringisch-hessischen Erbfolgekrieg (1247 - 1264) nach dessen Beendigung die thüringischen Gebiete an Heinrich den Erlauchten von Meißen fielen, den hessischen Teil konnte Sophie für ihren Sohn Heinrich das Kind erstreiten.

Diese kriegerischen Auseinandersetzungen der "Großen" führten dazu, dass auch die kleinen Herren versuchten, ihre Besitzungen zu erweitern oder wenigstens zu sichern. Eine rege Burgeinbautätigkeit setzte ein. So begannen auch die Treffurter Ritter, zu deren Besitz damals Heldra gehörte, zur Sicherung ihres Territoriums - in Gemeinschaft mit den Eschweger Herren - in Heldra 1247 eine Burg zu errichten. Da die Treffurter jedoch 1248 besiegt und gefangengesetzt wurden, blieb die Burg unvollendet und musste ein Jahr später sogar abgerissen werden. Nur der Burgturm blieb in einer Höhe von ca. 9 Metern stehen.Im Inneren dieses Turmes soll schon sehr bald ein kleiner Kirchenraum eingerichtet worden sein.

Während dieser Zeit existierte neben Heldra noch ein größeres Kirchdorf namens Helderbäche = Hellerbach nahe der Kreuzung der heutigen B 250 und der Landstraße Heldra-Wendehausen. 1365 wurden Heldra und Hellerbach nebeneinander urkundlich erwähnt. Aber bereits 1404 wird in der Kirchenchronik Hellerbach als "wüst" bezeichnet. Die nahe Durchgangsstraße, die in Kriegszeiten auch als Heerstraße diente, sowie Krankheiten und Seuchen, wie die Pest, mögen dazu beigetragen haben, dass die Bewohner Hellerbachs ihren Ort verließen und sich im nahen, aber etwas abgelegeneren Heldra ansiedelten. Steine für die Grundmauern ihrer Häuser waren vom Abriß der Hellerburg noch reichlich vorhanden. Die letzten Steine wurden erst 1609 nach Wanfried verkauft, wo sie zum Bau des Bonifatius- (Ober-)tores Verwendung fanden.

Durch die anwachsende Bevölkerung Heldras wurde der Kirchenraum im Turm zu klein. So ließ die Adelsfamilie von Erf(f)a, seit etwa 1300 Besitzerin des Gutes, an den Turm ein kleines Kirchenschiff bauen. Dieses hat über 400 Jahre seinen Zweck erfüllt und wurde erst 1845 durch einen Neubau ersetzt; der Burgturm war Kirchturm geworden.

Neben dem "Erf(f)a'schen Gut lag gegenüber noch ein Gutshof, den im 18. Jahrhundert eine Familie von Grot(t)hausen besaß. Die jetzt noch stehenden Wohnhäuser beider Güter sind in den Jahren 1520-21 neu erbaut worden und haben den 30-jährigen Krieg gut überstanden. Weniger gut dagegen die Heldraer Bevölkerung, die auf 15 Familien und 6 Witwen zusammengeschrumpft war und in ärmlichsten Verhältnissen lebte. Die Namen der überlebenden Haushaltsvorstände waren laut Chronik:
Ewald Müller, Ludwig Müller, Johann Müller, Hans Wagner, Kaspar Wagner, Hans Hentrich, Kaspar Moitz, Konrad Moitz, Daniel Heuse, Siemon Schadewohl, Simon Steube, Adam Strassel, Hans Hermann und Hans Hosell.

Die Schule in Heldra

Nahe bei der Kirche steht heute noch das "Alte Schulhaus". Bereits 1520 soll es in Heldra ein Schulhäuschen gegeben haben. Das jetzige Wohnhaus trug, als man es im Jahr 1892 überputzte auf einem Balken die Jahreszahl 1707 oder 1767. Der Unterricht fand wohl zunächst in einem Zimmer des Wohnhauses statt. Als es dann für die wachsende Kinderzahl zu klein wurde, baute man in 1869/70 einen größeren Schulsaal an die Ostseite des Gebäudes an.

Fast hundert Jahre wurde in ihm unterrichtet. Doch als nach dem 2. Weltkrieg die Bevölkerungszahl Heldras durch Evakuierte, Heimatvertriebene und Flüchtlinge stark zunahm, beschloss man, einen Neubau zu errichten. 1949/50 wurde dann am Weinberg eine zweiklassige Schule gebaut, die "Alte Schule" wurde verkauft. Bereits 1968 schloß diese Schule wieder ihre Pforten, die Schüler besuchten und besuchen noch heute die Mittelpunktschulen in Wanfried oder andere weiterführende Schulen. In dem Schulgebäude wurde ein Kindergarten eingerichtet, und die Gemeindebücherei hat in ihm Platz gefunden.

Berühmte “Söhne” Heldras

Im Jahr 1611 stiftete die Familie von Erf(f)a der Heldraer Kirche einen Abendmahlskelch. In diesen sind die Namen Franke, Hiese, Motz, Neut und Steube eingraviert. Zwei dieser Namen haben "Geschichte gemacht".

August Hermann Francke

 Im Jahr 1611 verlies der Feinbäcker Hans (bzw. Christian) Fran(c)ke sein Heimatdorf Heldra, ging auf Wanderschaft und wurde in Lübeck sesshaft. Sein Sohn Johannes war Domsyndikus in Ratzeburg und später Hof- und Justizrat in Gotha. Er besuchte 1666 Heldra und schenkte der Kirche eine wertvolle Altarbibel. 1663 war sein Sohn August Hermann geboren. Dieser wurde Theologe und Pädagoge, gründete 1695 in Halle eine Armenschule und 1698 ein Waisenhaus, aus dem sich nach und nach die bekannten "Franckeschen Stiftungen" entwickelten.

Friedrich Wilhelm von Steuben

 Im 17. Jahrhundert verließ ein Augustinus Steube Heldra, um in Marburg Theologie zu studieren. Um 1688 heiratete er die Pfälzische Reichsgräfin Dorothea von Effer(e)n, für damalige Zeiten sehr ungewöhnlich.
Ihr Sohn Wilhelm Augustin nannte sich bereits "von Steuben" und war Offizier der "Königlich Preußischen Ingenieurtruppen". 1730 wurde sein Sohn Friedrich Wilhelm geboren, der 1747 in den preußischen Militärdienst eintrat, später war er im badischen Heer tätig.
 Im Jahre 1777 übersiedelte er nach Amerika, übernahm dort als Generalinspekteur, zeitweise auch als Generalstabschef

George Washingtons die Ausbildung und Reformierung der nordamerikanischen Truppen und führte diese im "Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1776 - 83) zu großen Siegen über die Engländer. Tragischerweise kämpften auf Seiten der Engländer auch Heldraer Bürger, sie gehörten zu den sogenannten "verkauften Hessen". Einundzwanzig junge Männer sollen damals aus Heldra angeworben worden sein. Unter ihnen Johannes Ditzel, Nikolaus Motz, Christoph Müller, Johannes Müller, August Nilde, Johannes Ratgeber, Daniel Steube, Christoph Stoppel, Adam Suck, Nikolaus Wagner, ... Wilhelm, Henrich Hendrich, Johannes Junck, Ludwig Ratgeber, ... Steube, ... Wagner, Johannes Möller. Nur Fünf von ihnen sind nach Heldra zurückgekehrt

Vom Mittelalter zur Neuzeit

Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein glich das Leben auf dem Land noch weitgehend dem des Mittelalters. Es gab noch keinen elektrischen Strom, zur Beleuchtung wurden Kerzen oder Petroleum-Lampen benutzt, und die vielen elektrischen Helfer im Haushalt und Betrieb waren noch völlig unbekannt.

Auch eine Wasserleitung fehlte noch. Das Wasser zum Waschen und für's Vieh wurde am Bach geholt, Trinkwasser entnahm man den drei Brunnen des Dorfes, die sich auf dem Gewölbe (gegenüber der heutigen Gemeindeschänke), vor der "Alten Schule" und vor dem Hippel (Werrastraße) befanden. Die Dorfbevölkerung selbst war noch fest in ihrer Dorfgemeinschaft mit all ihren feudalgrundherrschaftlichen Abhängigkeiten eingebunden. Erst als nach 1789 der Ruf der "Französischen Revolution" nach "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" herüber nach Deutschland drang und über Versuche der Liberalisierung und Demokratisierung zur "Deutschen Revolution” von 1848/49 und zur "Bauernbefreiung" führte, änderte sich auch langsam die Einstellung der Bevölkerung. Besonders durch die beginnende Industrialisierung und die damit verbundene Flucht der jungen Leute von den Dörfern in die Industriestädte kam es dort zur Ausbildung unterschiedlicher Gesellschaftsklassen, die nicht mehr - wie bisher auf dem Land - in einer festen Gemeinschaft lebten.

Als Ersatz für die verloren gegangenen Gemeinschaften bauten sich viele Menschen gesellschaftliche Bindungen auf. So entstanden ab Mitte des 19. Jahrhunderts zuerst in den Städten viele politische Parteien, Gewerkschaften und zahlreiche Vereine. Dieses Vereinswesen breitete sich dann auch auf die ländlichen Gegenden aus. Das Neue daran war, dass man nicht mehr wie bisher in eine Gemeinschaft hineingeboren wurde, sondern dass man sich freiwillig zu einem bestimmten Zweck zusammenschloss.

In Heldra entstanden 1871 der Männergesangverein, 1873 die Pflicht- Feuerwehr, 1874 die Freiwillige Feuerwehr und 1912 der Turn- und Sportverein.

Auch die modernen technischen Errungenschaften hielten Einzug in das Dorf. So wurde 1900 südlich des Dorfes Heldra eine Stahl-Bogenbrücke über die Werra gebaut, 1901 wurde die Eisenbahnlinie Eschwege - Heldra - Treffurt eröffnet, 1917 wurde Heldra an das Stromnetz angeschlossen und 1939 bekam jedes Haus einen Wasserleitungsanschluß.

Die Nachkriegsjahre

Ein weiterer Wendepunkt im Leben der Heldraer kam mit dem Ende des zweiten Weltkrieges und der Aufteilung Deutschlands in die vier Besatzungszonen.

Während das hessische Heldra in der amerikanischen Zone lag, kamen die thüringischen Nachbarorte Großburschla und Treffurt zur sowjetischen Zone (SBZ).

In den ersten Nachkriegsjahren waren die Grenzen noch einigermaßen durchlässig, zumal eine neutrale Straße von Treffurt über Heldra und Großburschla nach Weißenborn oder Rambach führte. Als jedoch 1952 die Straße Großburschla - Schnellmannshausen unter dem Heldrastein entlang fertiggestellt war, wurde der "Eiserne Vorhang" zwischen den inzwischen gegründeten Staaten "Bundesrepublik Deutschland" und "Deutsche Demokratische Republik" unüberwindlich. Heldra war nun auf drei Seiten von dieser Grenze umgeben, nur eine einzige Straße, - die über Altenburschla nach Wanfried, führte aus dem "Zipfel" hinaus.

Bis zum Jahr 1972 war Heldra eine eigenständige politische Gemeinde mit Gemeindevertretung und Bürgermeister, danach wurde unser Ort im Rahmen der Gebietsreform der Stadt Wanfried eingegliedert; er ist nun ein Stadtteil mit Ortsbeirat und Ortsvorsteher.

In den "Nachkriegsjahren" wurden in Heldra noch folgende Vereine gegründet:

  * 1951 der Gemischte Chor

  * 1960 der Heimatverein

  * 1982 der Sportschützenverein

  * und schließlich nach der "Wende" 1990 die Interessengemeinschaft Heldrastein.

Grenzöffnung

Im Jahre 1989 - die beiden deutschen Staaten waren gerade 40 Jahre alt geworden - geschah etwas bis dahin völlig Undenkbares und für viele Unfassbares: Der "Eiserne Vorhang" bekam Löcher.Bedingt durch die Reformpolitik des sowjetischen Parteichefs Gorbatschow, die auch auf andere Staaten des "Ostblocks" Einfluss ausübte, wurde am 2. Mai 1989 vom ungarischen und vom österreichischen Außenminister der Eiserne Vorhang zwischen

diesen beiden Staaten zerschnitten. Tausende von DDR-Bürgern verließen nun auf diesem Weg oder über die bundesdeutschen Botschaften in Budapest, Prag oder Warschau ihre Heimat. Bei den Daheimgebliebenen verstärkte sich dadurch das Gefühl des Eingeschlossenseins noch mehr. Es entstanden Bügerbewegungen, und es kam zu öffentlichen Massendemonstrationen. "Wir sind das Volk!" war die Parole, später dann: "Wir sind ein Volk!".

Schließlich verkündete am 9. November 1989 um 18.57 Uhr das SED- Politbüromitglied Günter Schabowski im Fernsehen der DDR: "Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragt werden. - Ab sofort!" Eine Reisewelle nach Westberlin und in die Bundesrepublik setzte ein.

Da die bisherigen Grenzübergänge diesem Ansturm nicht mehr gewachsen waren, mussten zahlreiche neue Übergänge geschaffen werden. So konnten in unserer näheren Umgebung unter großer Anteilnahme der Bevölkerung beider Seiten am 12. November 1989 der Grenzübergang Wanfried - Katharinenberg, am 13. November 1989 der Übergang Heldra (Bahnhof Großburschla) - Großburschla und am 18. November 1989 der Übergang Heldra (Feldmühle) - Treffurt geöffnet werden.

Im Protokollbuch der Freiwilligen Feuerwehr Heldra steht darüber: "Jeweils am Öffnungstag und am darauffolgenden Tag konnte die Grenze von beiden Seiten ohne Visum passiert werden. Tausende nahmen diese Gelegenheit wahr, und daraus ergaben sich Verkehrsprobleme (Parken), die von unse-ren Kameraden, unterstützt durch Altenburschla und Wanfried, bewältigt wurden. Sechs Kameraden der hiesi-gen Wehr waren in Uniform in Schnellmannshausen, und es fanden erste Kontakte zwischen beiden Wehren statt. Unsere Kameraden luden die Kameraden aus Schnellmannshausen zum Kameradschaftsabend ein."

An diesem Abend war das Auftreten der "Heldrastein-Musikanten" aus Schnellmannshausen eine besondere Attraktion. Am 11. März 1990 konnte dann auch ein Grenzübergang zwischen Heldra und Wendehausen geöffnet werden. Auch hier waren die Wehren beider Orte beteiligt. Aus diesem ersten Kontakt entwickelte sich eine besonders enge Freundschaft, die auch noch fortbesteht, nachdem im Laufe des Jahres 1990 die

Grenzen völlig fielen und Deutschland wieder ein Land wurde